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Supermann

Brief an meine Freundin:

 

Heute habe ich was erlebt, das glaubst du nicht. Bzw kann ich es selbst nicht glauben und ich fürchte, ich kriege das auch nicht so gut schriftlich hin. Aber egal, ich fange einfach mal an.
Gestern lernte ich online einen jungen Mann kennen, der mir Komplimente machte und richtig scharf auf mich war. Er wollte mich unbedingt kennenlernen. OK, schrieb ich, ich würde aber erst Fotos haben wollen von Gesicht und Schwanz. Sein Profil gefiel mir gut. 38 Jahre 190 groß und das Foto mit Balken im Gesicht versprach einiges. Ich machte ihn nochmal darauf aufmerksam, wie alt ich war und wie ich figürlich so aussah. Also ihm gefiel alles und er schmachtete mich an.
Dann kam sein Foto. Auf der Brust rießengroß das Symbol von Superman. Ansonsten noch die Arme und Teile vom Bauch tätowiert. Er fragte in seiner Mail, ob das in Ordnung wäre mit seinen Tattoos. ich dachte erst, der hat sich nur angemalt für Fasching oder so, aber das war wohl alles echt tätowiert. Ich musste grinsen. Was ist wohl mit einem Kerl los, der sich sowas tätowieren lässt? Der Psychologe würde sagen, er ist ganz und gar nicht Superman, aber das Logo auf seinem Oberkörper, das er immer sehen könnte, wenn er morgens im Bad mit nacktem Oberkörper vor dem Spiegel steht, würde ihm diesen Status verleihen und er würde sich gut fühlen. Ich fands einfach nur affig. Mein gefordertes Schwanzbild war nicht dabei und ich schrieb ihm, ich wolle eines.
Heute Morgen dann schrieb er mir wieder und ich antwortete, dass ohne Schwanzfoto gar nichts ginge. Ja er würde schließlich arbeiten, worauf ich antwortete, gestern Abend hätte er doch Zeit gehabt, da schien ihm das nicht wichtig gewesen zu sein meine Wünsche zu erfüllen, also kein Date, schrieb ich ihm. So hat er sich auf ein Klo im McDoof verdrückt und hat Fotos gemacht. Ich kenne die Klos vom Meckes und er war tatsächlich dort. Mir imponierte das sogar, weil es andeutete, wie wichtig es für ihn war mit mir in Kontakt zu kommen.
Mir gefiel was ich sah und ich sendete ihm Fotos von mir, angezogen und in hübschen Dessous. Da flippte er wohl komplett aus und rief mich sofort an und schmachtete mich weiter an. Wie toll das aussah und wie ihn das alles anmachen würde…und bla bla bla. Kenne ich alles schon zur Genüge. Er wollte mich unbedingt heute noch ficken und die Einzelheiten des Dates besprechen. Wir erzählten so ein bisschen hin und her was wir mochten und dabei sagte er mir, ihm würde es gut gefallen, wenn ich ihm den Arsch lecke. Na super! Ich sagte ihm dass ich null Komma null devot wäre und dass ich auf keinen Fall irgendeinen Arsch lecken würde. Statt dessen fragte ich ihn ob er mich lecken würde. Ne, meinte er, da dürfte ich nicht sauer sein, das würde er nicht machen. Ok, antwortete ich, dann blase ich dich auch nicht. Er hatte aber zuvor ein geiles Video gesehen wie ich meinen Lieblingshengst aussauge. Da war er sehr enttäuscht. Der dachte wohl, ich bediene ihn, weil er so ein hübscher junger Kerl ist? Das kannst du vergessen, sagte ich ihm. Er erwähnte dann noch, dass er beim ersten Mal schnell kommen würde und dass ich da auch nicht enttäuscht sein müsste, denn er bräuchte quasi keine Pause und könnte gleich weiter machen. Klein Problem antwortete ich, ich hätte schließlich meinen Massagestab, da würde ich auch Spass haben können ohne dass der Kerl zu was zu gebrauchen ist. Da meinte er: Ich sehe schon, du bist dominant. Ich fragte ihn dann wie er denn seine Frauen zum Orgasmus brachte, wenn er sie nicht leckt, vom Ficken allein würde das ja bei den wenigsten klappten. Dann meinte er, er würde ein bisschen mit dem Finger rumrubbeln und ich dann…, na, du weißt auch nicht wie es geht, fiel ich ihm ins Wort. Ich lachte und ließ durchblicken, dass ich glauben würde, er sei ein schlechter Liebhaber, aber dank meines tollen Massagestabes würde ich es mit ihm riskieren, falls wir uns sympathisch wären beim Kennenlernen und ich Lust auf ihn entwickeln könnte.
Die ganze Zeit beim Telefonat musste ich an Superman denken und hatte dauernd das Gefühl ich müsste mich halt tot lachen. Das war so verwirrend exotisch das Gefühl.

Wir verabredeten uns mit dem Hund spazieren zu gehen. Sein Navigationsgerät zu bedienen war wohl eine Herausforderung für ihn, denn er kriegte das nicht hin und von unterwegs aus ließ er sich dann von mir lotsen. Ich hatte also immer das Handy am Ohr bis er bei mir vor der Tür, bzw Tor stand. Er stieg aus. Sein Gesicht war vom Solarium gebräunt, ein ekliges kackbraun. Ich sah sofort, dass der niemals in mein Bett käme. Ich lachte ihn trotzdem an und war voller Erwartungen, wie sich das entwickelt. Du weißt ja, das Spiel ist spannend und wird gespielt, auch wenn klar ist, dass nichts draus wird, einfach es Spielens willen und weil es ja doch Spass macht.
Wir gingen ein Stück spazieren und führten erstmal einen Smalltalk. Wie ich mit dem Hund umging und dass meine Hündin spuren musste, bzw sie sehr gut hörte und er das mitbekam, schien ihn unsicher zu machen. Anfänglich sah ich seine Blicke in mein Decollettee, aber das schwand schnell. Ich hab echt keine Ahnung, warum die Kerle es mir nicht abnehmen, dass ich nicht devot bin, bis sie mich sehen. Ich frage mich wirklich, ob ich so anders wirke als ich in der Realität bin.
Ich sagte ihm, wie am Telefon vorher auch schon, dass ich kein Rumgeficke suchen würde, sondern eine feste Fickaffäre. Also einer, der käme wann er will und keinerlei Nähe zuließe, sei nichts für mich, das würde ich nicht akzeptieren und lieber ungefickt bleiben, statt dem nachzugeben. Da wurde er ganz kleinlaut und sagte, dass er sich lieber mal hier mal dort trifft und er sich vorher nie sicher ist, wann er sich wieder melden will. Ich sagte ihm dann, dass das nicht das ist, was ich bevorzuge.
Er meinte dann, dann würde es nicht passen und ich sagte ihm, ja das war ja schon vorher klar, denn ich hätte mich schließlich klar ausgedrückt beim Telefonat. Und während des ganzen Gesprächs hatte ich dieses Superman Ding da im Kopf und ich musste mich zwingen ihn nicht auszulachen. Was denkt sich dieser Arsch nur? Keine Ahnung von Frauen haben und wie man ihnen gut tut und dann so ein Ding auf der Brust und so mega dämlich? Geht doch gar nicht oder?
Und dann der Abschied. Ja es täte ihm ja so furchtbar leid, aber es würde nicht passen, ob ich denn jetzt böse sei. Ich dachte mich tritt ein Pferd. Ich fragte ihn, ob ich den Eindruck machen würde, dass ich jetzt am Boden zerstört sei. Aber darauf antwortete er gar nicht, er bemitleidete mich, dass er mich nicht wollte, dabei war mir vorher schon klar, dass der Kerl nichts taugt, ich hatte es schließlich beim Telefonat schon gesagt. Das alles beeindruckte ihn nicht, er tat so, wie wenn ich ihm so furchtbar leid täte, dass ich nicht in den Genuss seiner Liebeskünste käme.
Kannst du dir mein Gesicht vorstellen? Ich sehe dich kreischend und kringelnd vor meinen Augen. Ja, lach dich nur kaputt, ich tue es auch. Den ganzen restlichen Tag verbringe ich damit mich zu wundern und zu lachen. Sowas ist mir ja schon lange nicht mehr passiert. Superman, der ein tättowiertes Symbol auf der Brust braucht, um selbstbewusst zu sein, aber auf eine Art, die derart daneben ist, dass es zum kreischen lachhaft ist und ganz ganz wunderlich.
Er liegt wahrscheinlich gerade im Bett und bedauert mich immernoch. Ich fass es nicht!!!
Gröööööööööööööhl.
Selbstbewusstsein ist eine tolle Sache, aber sich derart etwas vormachen zu müssen ist doch krankhaft? Vielleicht hätte ich mir auf die Brust tätowieren lassen müssen: “ICH WILL DICH NICHT”

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Das rote Handtuch

 

Vor 26 Jahren etwa besuchte mich ein Freund. Er lebte damals in Berlin und ich in Süddeutschland. So sahen wir uns nur selten.

Einmal vergaß er nach einem Besuch sein rotes Handtuch. Ich sagte ihm am Telefon, dass er es vergessen hätte. Er behauptete zwar es gehöre ihm nicht, aber es war jedenfalls seit seinem Besuch plötzlich da und ich kannte es gar nicht.

Ich erinnere mich noch dunkel, dass ich es einmal dabei hatte als ich ihn besuchte, aber er behauptete steif und fest, es gehöre ihm nicht und seiner Freundin auch nicht. So behielt ich es und nahm es also wieder mit.

Seither dachte ich wirklich „immer“ an ihn, sobald mir dieses Handtuch in die Hände fiel. Auch als ich einige Jahre später ein Kind durch den plötzlichen Kindstod verlor und er damit nicht zurechtkam, es ihm unmöglich war weiter mit mir Kontakt zu halten, selbst dann dachte ich immer an ihn. Nach dem Tod meines Kindes drückte ich dieses Handtuch manchmal an mein Gesicht und spürte seine Gegenwart, denn auch das empfand ich als Nähe, wenn er durch seine eigenen Gefühle so überwältigt war, dass er mir nicht schreiben konnte und nicht mit mir reden. Er „litt“ mit mir, verbunden durch dieses Stück damals noch flauschigen Stoffes.

Über Jahre hinweg begleitete mich dieses Handtuch. Es war ein großes Handtuch, zwar kein Badetuch, aber auch kein kleines, das man neben das Waschbecken an die Halterung hängen konnte. Nach dem Duschen reichte es zum Abtrocknen und auch mein weiteres Baby wickelte ich darin ein nach dem Bad und stellte es ihm so vor.

Mit den Jahren wurde es dünner und franste an den Ecken aus, aber ich weigerte mich es auszusortieren, würde „Er“ doch damit aus meinem Schrank verschwinden! Es nahm nicht mehr viel Flüssigkeit auf und wurde nur noch selten benutzt. In den letzten Jahren diente es nur noch als Unterlage für den Strand oder im Auto, wenn sich die Kinder mal wieder total einsauten.

Die Jahre vergingen und alles änderte sich. Auch meine Sexualität. Ich begann mich für Natursektspiele zu interessieren und bemerkte mit der Zeit, dass ich spritze, wenn ich zum Beispiel gefistet wurde. Irgendwann genügte als Unterlage kein einfaches Handtuch mehr und das rote schon gar nicht, so musste ich mir etwas anderes überlegen.

Nach dem Tod meiner Mama räumte ich mit meiner Schwester zusammen ihr Haus aus. Dabei fielen mir zwei Inkontinenzmatratzenauflagen in die Hände. Meine Schwester sagte gleich: „Ach, schmeiß die doch weg“. Ich wusste aber sofort was ich mit denen machen könnte und antwortete: „Ne, die nehm ich mit!“ Meine Schwester lachte und fragte scherzhaft: „Machst du noch ins Bett?“. Woraufhin ich wahrheitsgemäß unter großem gemeinsamen Gelächter mit „Ja, manchmal“ antwortete.

Jedenfalls waren die Auflagen strahlend weiß und wenn ich sie bei meinen sexuellen Aktivitäten ins Bett legte, wurden sie schnell gelb auch manchmal rot eingeschmiert von Öl, Pisse und Blut. Beim Sex störte mich das ein bisschen weil es so abstach, somit etwas schmuddelig wirkte und das Waschen auch nicht so ganz einfach war. Ich legte also das rote Handtuch auf die Auflage, sodass „sein“ Handtuch als Filter wirkte, es nur die Flüssigkeit durchließ, die Verfärbungen aber bei sich behielt. So war „er“ also auch ganz oft bei meinen intimen Spielereien dabei und ich fühlte mich so wunderbar damit.

Im Moment ist sein Handtuch in meinem Wohnwagen, da lebe ich die halbe Woche, weil ich von meinem Mann getrennt bin und dort das Singleleben ausprobiere. Ich bemerke, dass ich es nicht mehr so oft benutzen mag, denn es ist eigentlich nur noch ein Fetzen und kein Handtuch mehr. Das Frottee ist in der Mitte fast abgerubbelt und die Fransen hängen nicht nur an den Ecken herunter, sondern fast überall. Aber ich mag es nicht wegschmeißen. Als Putzlappen mag ich es aber auch nicht verwenden, so fristet es sein Gnadendasein in meinem Schrank im Wohnwagen. Wichtig ist lediglich, dass ich es bei mir habe!

Würde ich es in den Trockner schmeißen, wäre es wieder flauschiger und könnte wahrscheinlich auch wieder etwas mehr Flüssigkeit aufnehmen, aber dann würde der „Verfall“ noch schneller gehen.

Es wäre ja wirklich lustig, wenn nach  26 Jahren heraus käme, wo das Handtuch tatsächlich herkam. Vielleicht hat es meine Tochter nach dem Schulschwimmen mit nach Hause gebracht, nachdem es dort mit dem einer Klassenkameradin vertauscht wurde. Oder es landete irgendwie durch Trocknen auf der Wäscheleine im Hof, die von allen Hausbewohnern benutzt wurde, in meinen Besitz. Es gibt ja viele Begebenheiten wie man zu einem Handtuch kommen kann.

Kürzlich ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass ich es jetzt nun wirklich bald wegschmeißen müsste. Ich erschrak über mich selbst, denn ich war total unglücklich mit dem Gedanken. Da probierte ich glaube ich zum ersten Mal ihn zu finden. Nach so vielen Jahren schien es nicht sehr einfach zu sein. Erste Adresse für so etwas ist ja das Internet. Das schlug aber alles zunächst fehl.

Bis zu diesem Weihnachten. Das Weihnachten an dem wir eigentlich alle schon untergegangen sein sollten, da beschäftigte ich mich erstmals intensiver mit Facebook. Ich hatte dort schon länger einen Eintrag, aber mich nicht wirklich darum gekümmert. Diese Weihnachtsferien hatte ich viel Zeit und so gab ich im neuen Jahr 2013 seinen Namen bei Facebook ein und siehe da, es gab ihn! Ich klickte ihn einfach mal auf meine Freundesliste und wartete ab was passierte. Schon einige Stunden später hatte ich eine Antwort. Das Telefonat war herrlich und ich wusste gar nicht, was ich ihm zuerst erzählen sollte, weil in so vielen Jahren so viel passiert war.

Er ist so herrlich unbekümmert, das wirkte schon immer fast ein bisschen naiv. Er ist klar und direkt und verfolgt seine Ziele spontan, lässt (sich) keine Zeit. Erfrischend fällt mir da nur ein und das ist genau das, was ich vermisst habe all die Jahre. Er ist da ein bisschen wie ich.

Als er mir am Telefon erzählte, dass er sich außerstande fühlte mir nach der Todesnachricht ein paar Zeilen zu schreiben, da wurde mir erst richtig bewusst, was ich alles verloren hatte damals. Seitdem trauere ich wieder, aber das ist gut so und hört auch irgendwann wieder auf. Das rote Handtuch war immer bei mir und hat mich an ihn erinnert. Und nun haben wir uns wieder.

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Tiefe Wunden

Bei Rammstein heißt es in einem Lied Rosenrot:

Tiefe Wunden muss man graben, wenn man klares Wasser will…….

Klarheit ist das Wichtigste im Leben. Wahrheit ist ganz individuell gefärbt, die Klarheit dagegen… die schärft den Blick!

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